A140 Herbst 2025 : Schweizer Kunst

81 Schweizer Kunst 132 ALOÏSE (EIGTL. CORBAZ, ALOÏSE) (LAUSANNE 1886 – 1964 GIMEL) «FÊTE DES CERISES» – «DE CHARRIÈRE». Beidseitig bearbeitetes Blatt. Farbkreide und Aquarell auf Papier, beidseitig betitelt u. bez. «Fête des Cerises lit à une lanceuse de fleurs de – au cortège – Coppet aux curé Luther (...) met (...)el son brodequin perdu» («Fête des Cerises au cortègelit à une lanceuse: de fleurs de Coppet aux curé Lutherson brodequin perdu»), 58 x 42 cm CHF 12000.– / EUR 13000.– Provenienz: Florian Campiche; Privatbesitz, Schweiz. Das angebotene Werk ist beim Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft als eigenhändige Arbeit von Aloïse registriert (Inventar-Nrn. 94‘532.01/02 und 94‘532.02/02, Online-Werkverzeichnis, Nrn. 319.01 und 319.02) und lässt sich in die sogenannte «4ème période» (1951-1960) datieren. Aloïse Corbaz wuchs in Lausanne auf, zeigte früh Interesse an der Opernwelt und nahm Gesangsunterricht. Nach einem Deutschlandaufenthalt am Hof Wilhelms II. begann sie, religiöse Schriften zu verfassen und an Verfolgungswahn zu leiden. Fortan sollte sie ihr Leben in verschiedenen psychiatrischen Kliniken verbringen, wo sie weiterhin Schriften verfasste und zeichnerisch aktiv wurde. Gefangen in ihrer ganz eigenen Welt, hielt sie sich wechselweise für eine Opernsängerin, Kleopatra, Madame de Staël, den Papst, Napoleon oder Wilhelm II. sowie für weitere Persönlich- keiten, die sie unter anderem aus Zeitschriften kannte und künstlerisch thematisierte. Aloïse malte auf allen verfügbaren Papierträgern oder nähte Packpapier-Abfälle zwecks Erhalt grösserer Malflächen zusammen. Ab 1938 wuchs das Interesse an ihren Arbeiten, und Jean Dubuffet stellte gegen Mitte des Jahrhunderts ihre Werke erstmals in Paris aus. Fortan entstanden grosse, mehrfigurige Farbstift- und Ölkreide-Kompositionen. Aloïse gilt heute als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Art Brut-Bewegung. Die auf beiden Blattseiten handschriftlich angebrachten Notizen lassen sich mit ganz verschiedenen Persönlichkeiten und Gegebenheiten in Ver- bindung bringen: «Coppet» sowohl mit Madame Decoppey, der Gattin des Bundesrates Camille Decoppey, als auch mit Madame de Staël, die im Château de Coppet gelebt hat; «Brodequin perdu» mit dem Schuhwerk der Muse Thalia; «Fête des Cerises» mit jenem ländlichen Sommerfest, das alljährlich für die Patienten der psychiatrischen Anstalt von Cery organisiert wurde; «Charrière» mit dem Namen einer waadtländischen Familie.

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